Im Technical Center in Hanau entwickelt Sumitomo Reifen für Europa.

Warum ist es wichtig, Reifen dort zu entwickeln, wo sie auch eingesetzt werden sollen? Auf dieser Frage antwortet der japanische Hersteller Sumitomo als fünftgrößter Reifenproduzent der Welt mit der Eröffnung eines Technical Centers in Hanau. So will der Konzen nicht nur seine Marke Falken stärken, sondern auch die hierzulande neue Marke Sumitomo einführen. Neue Produkte für Ersatzmarkt und Erstausrüstung sollen hier in der Region entwickelt werden. Warum dieser neue Standort für gute Reifen so bedeutend ist, darüber sprachen wir mit dem Geschäftsführer und Chef der Reifenentwicklung Dr. Bernd Löwenhaupt in Hanau.

Das Gespräch führte Peter Schmidt

Kfz-zubehör-vergleich: Herr Dr. Löwenhaupt, welche Vorteile bringt Ihnen das Entwicklungszentrum für Reifen in Hanau?

Dr. Löwenhaupt: Niemand kann von nur einem Entwicklungscenter aus global Reifen entwickeln. Man braucht den lokalen Einfluss. Bei uns in Europa sind das zum Beispiel die deutschen Fahrzeughersteller. Da muss man die Kontakte haben und verstehen, was deren Anforderungen sind. Das geht aber nur, wenn man in der Region selbst vertreten ist.

Kfz-zubehör-vergleich: Sie sprechen damit die Erstausrüstung an. Wie unterscheiden sich die Anforderungen etwa zu Asien?

Höchsten Anforderungen gerecht werden

Geschäftsführer der Sumitomo Rubber Europe GmbH Dr. Bernd Löwenhaupt
Geschäftsführer der Sumitomo Rubber Europe GmbH Dr. Bernd Löwenhaupt: Das neue Entwicklungszentrum in Hanau schafft Expansionsmöglichkeiten für Sumitomo.

Dr. Löwenhaupt: Die Anforderungen zum Beispiel bezüglich Emissionen sind bei den deutschen oder europäischen Herstellern deutlich anders als etwa in Japan. Wir haben Reifenanforderungen mit höchsten Labelwerten, höhere Aquaplaning- und Nässesicherheit, das gibt es sonst nirgendwo. Es hängt auch damit zusammen, dass in Europa der sogenannte WLTP-Test gültig ist, der zwar weltweit gelten sollte, aber bisher nicht in Amerika und China und in anderer Form in Japan und Korea eingeführt wurde.
Beim neuen WLTP-Test geht es grob gesagt darum, dass man die Verbrauchswerte des Fahrzeuges nicht allein auf dem Prüfstand misst, sondern mehr auf der Straße. Das ist deutlich aufwändiger. Zudem wollen die Fahrzeughersteller die Verbrauchswerte weiterhin deutlich reduzieren, somit werden insbesondere minimale Rollwiderstandswerte benötigt. Deshalb haben wir in Europa generell höhere Anforderungen. Hinzu kommt speziell in Deutschland, dass wir kein Geschwindigkeitslimit haben, zwar gibt es in anderen Ländern auch Y-Reifen, aber es wird nicht mit einer solchen Geschwindigkeit gefahren.
So unterhalten wir jetzt drei Entwicklungscenter: in Amerika, in Japan und in Europa. Das sind Regionen, in denen sich einigermaßen gleiche Bedingungen vorfinden.

Kfz-zubehör-vergleich: Und wie wirkt sich die Entfernung von der Produktion aus, die sich in der Türkei befindet, in der Nähe von Ankara?

Getestet in Europa

Dr. Löwenhaupt: Ein Entwicklungscenter neben einem Werk zu haben wäre natürlich ideal. Aber wenn es nötig ist und komplizierte Testreifen aufgebaut werden, dann fahren halt die Entwickler zur Begutachtung dort hin. Wir starten auch die Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Werk für die Marke Dunlop, die wir dort produzieren.
Es ist übrigens nicht zwingend, dass wir Testreifen in der Türkei produzieren. Prinzipiell können wir auf viele Werke weltweit zurückgreifen, etwa in Thailand oder in Japan. Bekommen wir die Versuchsreifen zurück, beginnen die Tests in Hanau auf Maschinen und auf Fahrzeugen, etwa in Papenburg, Idiada oder in Skandinavien, wenn es um Winterreifen geht.

Kfz-zubehör-vergleich: Wie unterscheiden sich die Reifen für die Erstausrüstung von denen für den Ersatzmarkt?

Nässeverhalten entscheidend

Dr. Löwenhaupt: Also vor dem Labeling von 2012, waren die Reifen unterschiedlicher als heute. Es gibt Fahrzeughersteller, die sind sehr sportlich orientiert, andere sind komfortorientiert, dann haben wir da unterschiedliche Reifen entwickelt. Daneben gibt es den Ersatzmarkt, wo der Kunde Tests in Zeitschriften liest. Dort ist in den letzten Jahren Nässe sehr wichtig geworden, weil es ein Sicherheitskriterium ist. Das hat sich durch das Labeling standardisiert, weil die drei Labelwerte Geräusch, Nässe und Rollwiderstand gefordert sind und keiner einen Reifen haben will, der in einem Kriterium schlecht ist. Im Moment würde ich sagen, trennen sich die Anforderungen wieder etwas, weil die Fahrzeughersteller mehr in Richtung Rollwiderstand gehen aber im Ersatzmarkt nach wie vor die Nässekriterien dominant sind.

Kfz-zubehör-vergleich: Sie entwickeln Reifen für insgesamt drei Marken: Falken ist am weitesten verbreitet, Sumitomo ist jetzt aktuell mit drei Profilen dazu gekommen. Die Marke Dunlop unter dem Dach von Sumitomo spielt dagegen aus markenrechtlichen Gründen in Europa keine Rolle, sondern im Nahen Osten, Afrika und Russland. Wie sind da die Rollen verteilt, insbesondere von Falken und Sumitomo?

Falken Erst-, Sumitomo Zweitmarke

Dr. Löwenhaupt: Falken befindet sich auf dem Weg zur Premiummarke. In Europa ist das die Erstmarke, Sumitomo die Zweitmarke, für Länder mit geringerer Kaufkraft, wo man über die Preisschiene was machen kann. In England ist Sumitomo als Marke schon lange als Budget-Brand vertreten. Das ist dennoch nichts Billiges, sondern ein Qualitätsreifen, der die Qualität auch erfüllt, natürlich etwas unterhalb der Topmarke Falken.

Winterreifen der Marke Sumitomo: WT 200
Neu in Deutschland: Winterreifen der Marke Sumitomo WT 200.

Schneller zu neuen Reifen

Kfz-zubehör-vergleich: Wie lange dauert es, bis ein Reifen zur Serienfertigung gelangt?

Dr. Löwenhaupt: Wir haben heute deutlich kürzere Entwicklungszyklen sowohl für Ersatzmarktreifen als auch für Reifen in der Fahrzeugherstellung als noch vor zehn Jahren. Wir haben früher gelegentlich in Neuseeland getestet, heute sind wir für Winterreifen immer dort. Es ist zwingend erforderlich, dass wir zwischen Frühjahr und Herbst noch mal testen können. Und über die Finite Elemente Analyse können wir heute viel über die Reifenkonstruktion und über Mischungen vorhersagen. So kann man das Gesamtfahrverhalten heutzutage schon ganz gut berechnen. Und das macht natürlich auch die Entwicklungszyklen kürzer.
Für ein neues Profil brauchen wir etwa anderthalb Jahre. Bei Winterreifen etwas mehr, da müssen wir schon zwei Jahre rechnen, weil wir zwei Winterperioden zum Testen brauchen. Und für die Fahrzeughersteller, da haben wir oft nicht mehr als ein Jahr.

Kfz-zubehör-vergleich: Herr Dr. Löwenhaupt, vielen Dank für dieses Gespräch.

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